Als ich um das Jahr 2006 herum angefangen habe, mich mit dem Thema Unternehmensgründung intensiver zu beschäftigen, waren sich alle Experten einig. Man riet jedem Gründer unbedingt einen Businessplan zu schreiben, bevor es mit dem Geschäft und ersten Kunden ernst wird. Sogar etablierte Unternehmen suchten händeringend Mitarbeiter, die für neue Projekte professionelle Businesspläne verfassen sollten. Mittlerweile gibt es zahlreiche Vorlagen und Businessplan-Tipps im Netz. Ebenso mehren sich aber die Zweifel an dieser Methode und in der internationalen Gründerszene wird deutlich häufiger diskutiert, ob sich die Erstellung eines Businessplans wirklich lohnt.

Um etwas mehr Klarheit in das Thema zu bringen, gibt dieser Beitrag einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse der internationalen Gründungsforschung und Hinweise, wann sich das Verfassen eines Businessplanes wirklich lohnt und was Gründer von ihm erwarten können.

Doch verdeutlichen wir uns kurz, welche Argumente für und welche gegen einen Businessplan sprechen, bevor wir auf die Forschungsergebnisse näher eingehen.

Pro Businessplan

Der Businessplan liefert eine umfangreiche und strukturierte Zusammenfassung des Geschäftsmodells, welches sonst häufig nur im Kopf des Gründers und auf diversen Notizzetteln existiert. Ergänzt wird die Schilderung um eine detaillierte Planung für die Umsetzung des Gründungsvorhabens. Es werden neben dem konkreten Gründungsfahrplan also auch wichtige strategische Entscheidungen niedergeschrieben. Offensichtlichstes Argument für einen Businessplan ist daher, dass Gründer durch eine intensive Planung auf bisher fehlende Informationen und unschlüssige Annahmen aufmerksam werden. Das Auffüllen von Wissenslücken fördert eine schnelle Entscheidungsfindung und ist besser als „trial-and-error“. Klar ist auch, Planung verschafft Klarheit, welche Ressourcen beschafft und zur Verfügung gestellt werden müssen. Durch die Festlegung wichtiger Ziele und darauf aufbauender Planung lassen sich zudem in angemessener Zeit Aktivitäten identifizieren, die zur Zielerreichung beitragen.

Contra Businessplan

Natürlich haben auch die Businessplangegner gültige Argumente. Sie führen an, dass Businesspläne häufig nur aufgrund externer Anspruchsgruppen erstellt werden. Da ist das Anfertigen eines Businessplans ihrer Meinung nach Zeitverschwendung. Viel lieber sollte man diese Zeit für wichtigere Aktivitäten nutzen. Zudem argumentieren sie, dass Businesspläne eine trügerische Sicherheit hinsichtlich der Zukunftsaussichten des Unternehmens schaffen. So sind nach Businessplanlogik Abweichungen vom Plan Fehler, welche unbedingt vermieden werden müssen. Allerdings könnten sich hinter Abweichungen auch ungeahnte Chancen verbergen, die vorher nicht bekannt waren. Sind wir nicht offen für diese Chancen bleiben sie folglich ungenutzt.

Was sagt die Forschung?

Die Forschung sagt deutlich jein 😉 Mittlerweile gibt es zahlreiche Forschungsergebnisse, die als Vermittler zwischen beiden Lagern fungieren.

Es konnte gezeigt werden, dass Gründer mit einem Businessplan schneller in der Produktenwicklung und bei der formalen Gründungsvorbereitung sind. Dazu zählen beispielsweise die Anmeldung des Gewerbes oder von Schutzrechten und das Tätigen erster Investitionen. Wir können uns aber Fragen, ob das ein erstrebenswertes Ziel ist. Denn was für Gründer zählt, sind zahlende Kunden. Diese sind gut für den Cashflow und ermöglichen es, im Markt aus erster Hand zu lernen. Diesen Zusammenhang kann die Forschung aber nicht direkt herstellen. Vielmehr kann es sogar gefährlich werden, wenn wir zu früh investieren und später merken, dass der Markt für die Idee doch nicht vorhanden ist.

Es zeigt sich auch ein leicht positiver Zusammenhang zwischen der Anfertigung eines Businessplanes und den Überlebensraten von Gründungsprojekten in der Vorbereitungsphase einer Gründung. Das heißt, Projekte ohne Businessplan werden häufiger abgebrochen. Dieses Ergebnis können wir von zwei Seiten interpretieren. Einerseits investiert man mit dem Anfertigen eines Businessplanes viel Zeit in die eigene Idee. Man zeigt also sich selbst und anderen, dass es einen ernst ist. Andererseits muss es aber nicht schlecht sein, ein Gründungsprojekt abzubrechen. Finden wir in der Gründungsvorbereitung heraus, dass es für die Idee keine Zukunft gibt, ist es natürlich besser, das Vorhaben noch einmal ernsthaft zu hinterfragen und sich anderen erfolgversprechenderen Ideen zuzuwenden. Forschungsergebnisse aus der Psychologie geben an dieser Stelle deutliche Hinweise auf die Gefahren zu intensiver Planung. So neigen wir in diesem Fall zu häufig dazu, unpassende Informationen auszublenden und uns nur an Fakten und Meinungen zu orientieren, die unsere Ideen unterstützen und in ein rechtes Licht setzen. Für einen offenen Umgang mit der eigenen Idee sollte man aber auch kritikfähig sein und sich vom Gegenteil überzeugen lassen. Hier gilt es, frühzeitig Gewissheit über das Potenzial der eigenen Idee zu erhalten und zu hohe Investitionen im Vorfeld der Gründung zu vermeiden.

An dieser Stelle sei bemerkt, dass Investitionen sowohl eigenes Geld als auch eigene Zeit sein können. Vor diesem Hintergrund erscheinen weitere Forschungsergebnisse auch in einem anderen Licht. So zeigen Studien, dass Gründungsteams mit Businessplänen im Vergleich zu Teams ohne Plan länger an ihrer Idee festhalten. Allerdings konnte bisher noch kein Zusammenhang mit der Profitabilität des Unternehmens nachgewiesen werden. Vielmehr unterstreichen Untersuchungen, dass sich Businesspläne vor allem für etablierte Unternehmen auszahlen. Die dahinter liegende Logik ist ganz einfach. So haben etablierte Unternehmen bereits umfassende Marktinformationen, auf denen sie ihre Planung aufbauen können. Gerade diese Informationen aus erster Hand fehlen vielen Gründern zu Beginn. Die Ausnahme sind Gründer, die schon lange in der Branche gearbeitet oder bereits intensiveren Kundenkontakt gehabt haben. Ein Erfolgsbeispiel aus Deutschland für solche erfahrene Gründer sind die Gründer von Outfittery.

Eine Studie unter 142 Startups, die mit Risikokapital finanziert wurden, zeigt, dass Gründer unbedingt die Besonderheiten der eigenen Gründung und des Gründungsumfeldes beachten sollten. Gerade in dynamischen Branchen kann eine zu intensive und langfristige Planung durchaus von Nachteil sein. Während wir noch planen, zieht der Wettbewerb in diesem Fall an uns vorbei und wir werden vom technologischen Fortschritt überholt. Vielmehr wird gerade Gründern in dynamischen Branchen geraten, nur ausgewählte Planungsaktivitäten zu nutzen und diese schnell umzusetzen. Startups in etablierten und weniger dynamischen Branchen sollten hingegen eher umfassender planen.

Was können wir lernen?

Als Gründer bist du gut beraten, wenn du dich mit den Grundannahmen deines Vorhabens und deinen eigenen Zielen zu Beginn des Vorhabens intensiver auseinanderzusetzt. In diesem Zusammenhang solltest du dir auch deiner Branche und deiner potenziellen Wettbewerber bewusst werden. Vor allem innovative Startups sind gut beraten, nicht zu umfassend zu planen. Stattdessen solltest du in diesem Fall kürzere und weniger detaillierte Pläne erstellen, um auch auf unerwartete Ereignisse reagieren und neue Chancen nutzen zu können. Dazu gehört es aber dennoch, zu Beginn die eigenen Ziele und eine passende Umsetzungsstrategie zu formulieren. Allerdings solltest du dir bewusst sein, dass diese Strategie nicht zu hundert Prozent aufgehen wird. Vielmehr wird ein Teil dieser Strategie funktionieren und ein anderer Teil eben nicht. Daher gilt es, schnell viel über den Markt und die Bedürfnisse der Kunden zu lernen und in kürzeren Zyklen die eigenen Ziele und die damit verbundene Strategie an die Marktrealität anzupassen.

Die Forschungsergebnisse zeigen also, dass der Businessplan für dich durchaus von operativ-taktischer Bedeutung sein kann und du mit einem Plan schneller in die Umsetzung der Gründung starten kannst. Ebenfalls wirst du tendenziell mit entsprechendem Plan länger an deiner eigenen Idee festhalten – ob das Fluch oder Segen ist hängt von deiner eigenen Vorbereitung und deiner Offenheit während der Ausführung des Plans ab.

„Vielmehr gilt, dass Gründer ihren Businessplan und nicht ihre Planung an den Adressaten anpassen sollten.“

Voraussetzung für einen vernünftigen Umgang mit dem Businessplan ist es ebenfalls, dass du den Plan für dich und nicht für andere Personen, wie bspw. Kapital- oder Fördermittelgeber, schreibst. Mit so einer Einstellung gehen Gründer regelmäßig verkehrt an das Tool heran. Zu häufig schreiben Gründer mit bereits feststehenden Zielen ihren Plan. Dies ist gefährlich, wie wir aus den angesprochenen psychologischen Studien wissen. Vielmehr gilt, dass Gründer ihren Businessplan und nicht ihre Planung an den Adressaten anpassen sollten. Natürlich haben verschiedene Anspruchsgruppen andere Erwartungen an den Plan. An dieser Stelle sollten aber eher bestimmte Aspekte hervorgehoben oder in den Hintergrund gestellt werden, als das man Informationen sucht, die bestimmte Kapitalquoten oder Investitionen rechtfertigen.

Gerade für innovative Gründer in schnelllebigen Branchen bieten die Forschungsergebnisse wertvolle Hinweise. So sollten sie natürlich nicht ihre Ziele aus den Augen verlieren, aber sich auch nicht krampfhaft an den Businessplan klammern. Vor allem in unsicheren und chaotischen Umfeldern können Planabweichungen auch Chancen sein, die vorher nicht erkennbar waren. Das bedeutet aber nicht, dass alle 14 Tage das Geschäftsmodell komplett geändert werden sollte. Dennoch gilt es, neuen Informationen aufgeschlossen gegenüber zu stehen und zu prüfen, was man aus der Situation lernen kann.

Die Herangehensweise an das Schreiben des Plans

Bevor die Planerfüllung überwacht, gesteuert und modifiziert werden kann, müssen die zahlreichen Ideen rund um das angestrebte Geschäft erst einmal zu Papier gebracht werden. Hierfür gibt es grundlegend drei Herangehensweisen:

  1. Du setzt dich vor ein leeres Blatt Papier und schreibst deinen Plan erst einmal ohne eine vorgegebene Struktur herunter. Der Vorteil bei dieser Methode besteht darin, dass du dir der wesentlichen Punkte deines Geschäfts klar werden musst. Dadurch trainiert du dich selbst, potentiellen Kunden oder Investoren deine Geschäftsidee knackig zu erklären. Gerade Neulinge fühlen sich hier aber oft hilflos, verlieren sich in den eigenen Ausführungen oder können gar nicht erst anfangen.
  2. Das passiert weniger, wenn du zu Beginn im Internet nach Vorlagen und Mustern suchst, die dir beim Schreiben einen roten Faden liefern. Vorsicht: jede Gründung ist etwas Individuelles. du solltest also Eigeninitiative sowie Flexibilität zeigen und die Vorlagen entsprechend auf deinen Fall und den Adressaten anpassen.
  3. Du holst sich Unterstützung bei einem Gründercoach. Diese haben häufig schon viele Pläne geschrieben, kennen die Fördermittel-Landschaft, haben meistens gute Kontakte zu den regionalen Banken und Investoren, kennen die klassischen Fehler in Businessplänen und können dir damit gezielte Fragen stellen, um Schwachstellen in deinem Konzept aufzudecken. Diese individuelle Unterstützung ist oftmals mit Ausgaben verbunden, die aber durch Zuschüsse teilweise gefördert werden können. Du solltest aber beachten, dass die Kosten für eine gescheiterte Gründung oftmals deutlich höher sind. Mit dieser Investition reduzierst du also dein eigenes Risiko. Entscheidend ist aber, den für dich passenden Berater zu finden.

In der Realität wird es oftmals zu einer Kombination der Herangehensweisen kommen. Es ist immerhin deine eigene Gründungsidee, also solltest du komplett hinter dieser stehen, sie verstehen und damit auch selbst zu Papier bringen können. Solltest du noch methodisch unsicher sein, empfiehlt es sich, ein Gründerseminar bzw. Businessplan-Workshops zu besuchen und dir somit die notwendigen Fähigkeiten anzueignen. Anlaufstellen können hierfür regionale Gründernetzwerke, die Handwerkskammer oder die Industrie- und Handelskammer sein.

Es gilt zudem zu beachten, dass du ausreichend Zeit in die Gründungsvorbereitung investiert und auch mit anderen Menschen über dein Vorhaben sprichst. Es kann nur von Vorteil sein, sich Feedback einzuholen, dieses offen aufnehmen und die erhaltenen Anregungen zu bedenken. Vielleicht lohnt es sich sogar, diese in die Planung einzubauen.

Letztendlich stellt sich noch die Frage zum Umfang des Businessplans. Hier lässt sich aber leider keine pauschale Aussage treffen, da dieser von vielen Faktoren abhängig ist. Aber unter dem Strich kommt es nicht auf den Umfang allein, sondern vielmehr auf dessen Inhalt und vor allem die angeführte Argumente an. Der Gründer muss zeigen, dass er seine Idee durchdacht sowie selbst verstanden hat und hinter dieser steht.

Inhaltlich gilt es dabei eine ganze Menge an Fragen zu beantworten. Gute Hinweise hierfür finden sich beispielsweise auf der Homepage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Allen Gründern, die bereits etwas an ihrer Idee gearbeitet haben, ist außerdem mein Startup Assistent zu empfehlen. Hier sieht du durch gezielte Fragen schnell, ob du vielleicht an der ein oder anderen Stelle noch einmal nachlegen solltest.

Fazit

Wie sich zeigt, kann der Businessplan viele positive Seiten haben und Gründer beim Erreichen der eigenen Ziele unterstützen. Allerdings wird häufig nicht darauf eingegangen, wie die Inhalte des Planes am besten erarbeitet werden sollen. Dies ist aus meiner Sicht der größte Kritikpunkt am Businessplan. Viele Gründergenerationen haben sich hierzu hinter ihren Schreibtisch gesetzt, zahlreiche Annahmen aufgestellt und ihr Businessfälle fiktiv berechnet. Dabei waren die Autoren häufig in einer rein isolierten Denkatmosphäre. Aus meiner Sicht sollte es sich beim Schreiben des Businessplans eher um einen der letzten Schritte vor der Unternehmensgründung handeln. Davor solltest du dich als Gründer mittels moderner Methoden intensiv mit dienen potenziellen Kunden und deinem Geschäftsmodell beschäftigen und die risikoreichsten Annahmen testen. Vereinfacht gesagt: der Businessplan hilft Gründern dabei, ihr Geschäftsmodell zu dokumentieren, hilft ihnen aber nicht dabei, dieses erst einmal zu finden. Wie sich der richtige Prozess hin zum Businessplan gestalten kann und was es dabei zu beachten gilt, findest du in meinem Beitrag zum Startup-Prozess.

 

Dr. Mario Geißler beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit Startups. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gründungsunterstützung erlebte er über Jahre hinweg, welche innovativen Ideen in den Köpfen von Studenten, Mitarbeitern und Professoren stecken. Seit Ende 2013 ist er Juniorprofessor für Entrepreneurship am Stiftungslehrstuhl der Sparkasse Chemnitz an der Technischen Universität Chemnitz. Er bietet regelmäßig Vorlesungen, Seminare und Workshops zum Thema Unternehmensgründung an.

Biz Plan“ by internetsense is licensed under CC BY-ND

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